Diagnose COVID-19: Auch mit Diabetes nicht aufgeben

 

Hey, meine Name ist Karlie. Ich bin Studentin im Bereich der Naturwissenschaft und 23 Jahre alt. Vor ca. 16 Jahren habe ich die Diagnose Typ-1-Diabetes erhalten.

Vor einigen Monaten kam dann auch noch die Diagnose COVID-19 erhalten. Im Folgenden möchte ich von meinen persönlichen Erfahrungen mit einer Corona-Infektion und Diabetes berichten.

 

Wann wurde „COVID-19“ bei dir diagnostiziert und welche Anzeichen gab es hierfür?

Mein positives Testergebnis erhielt ich Anfang April, nachdem ich seit rund zwei Wochen mit einem Geruchssinnverlust (Anosmie) lebte.

 

Was hat dir in den ersten Tagen die Kraft gegeben, auch diese Situation zu meistern? Wie bist du mit Sorgen und Ängsten umgegangen?

Zu Beginn ähnelte die Situation für mich der Heilungsphase eines gebrochenen Arms. Man ist zwar eingeschränkt und das Körperteil in seiner Funktion gehindert, aber ich war mir sicher, dass die Situation nach einiger Zeit auch überstanden sein wird. Sorgen entstanden erst als sich die Situation über mehrere Wochen nicht verbesserte und weitere Forschungsergebnisse zeigten, dass sich das Virus auf das zentrale Nervensystem legen kann. Ich wurde von Tag zu Tag unsicherer, da mir auch niemand einen Ausblick geben konnte, was diese Forschungsergebnisse in der Presse für mich bedeuten würden.

 

Wie hast du die medizinische Betreuung rund um das neue Krankheitsbild wahrgenommen? Hattest du in der Zeit gesonderten Kontakt mit deiner Diabetologin oder Diabetesberaterin?

Ich empfinde als Betroffene die medizinische Betreuung in der aktuellen Lage regional sehr unterschiedlich, unstrukturiert und fortwährend vernachlässigend, nahezu chaotisch. 

Nachdem ich meine Diabetologin Mitte/Ende März informiert hatte, dass ich eine Anosmie habe, sollte ich mich direkt beim hiesigen Ärztlichen Bereitschaftsdienst (ÄBD) zur Testung melden (die Praxis ist rund 100 km von meinem Wohnort entfernt). Ich rief also mit dem Hinweis „Risiko-Gruppe + Klinik-Mitarbeiter im Haushalt lebend“ bei der Hotline an. Die Dame am Telefon entschied aber, dass ich ohne Fieber und anderweitige Atemwegsbeschwerden kein Fall für eine Testung sei. Ich meldete mich also wieder bei meiner Diabetologin. Diese war selbstverständlich alles andere als erfreut über diese Nachricht.

Das Wochenende verstrich und am Montag meldete ich mich beim Gesundheitsamt mit den gleichen Angaben. Das Gesundheitsamt empfahl mir, dass meine diabetologische Praxis ein Fax an den ÄBD schicken soll, damit ich getestet werden kann. Nach einigen Telefonaten und auf Nachdruck meiner behandelten Praxis wurde ich vom Gesundheitsamt zur Testung beim ÄBD einbestellt. 

Ein weiteres Beispiel habe ich bei meinem Augenarzt erlebt. Ich hatte eigentlich geplant, in die Offene Sprechstunde zu gehen. Aufgrund von COVID-19 wurden aber nur noch drei Tage mit Sprechzeiten angeboten, einige Termine scheinbar sogar gänzlich abgesagt, alles auf Anweisung der Ministerien.

 

Habst du dich über den Zusammenhang von COVID-19 und Diabetes gezielt informiert, wenn ja wie und mit welchen Erfolgen?

Für detaillierte Informationen nutze ich Studien aus PubMed (internationale Studiensammlung), da ich die Präsentation der Medien oftmals überzogen und irreführend fand. Bei passender Eingabe im Suchfeld fand man dann einiges zum Thema (z.B. https://link.springer.com/article/10.1007/s13410-020-00846-z). 

Meine Diabetestherapie hat sich für mich nicht aufgrund der Infektion verändert, sondern in Hinblick auf die Lockdown-Veränderungen. Seit 2020 war ich bis zu 6-mal die Woche beim Muskelaufbau-Training, dem entsprechend stieg meine Basal-Dosis als sich diese Option nicht mehr bot.

 

Hat sich durch COVID-19 deine Diabetestherapie verändert? Wie haben sich deine Blutzuckerwerte in der Zeit und auch danach entwickelt?

Die Zuversicht speiste sich zunächst aus den Gesprächen mit dem behandelnden Diabetologen. Da von Beginn an auf die intensivierte Insulintherapie (ICT) gesetzt wurde, ging es mir relativ schnell wieder viel besser. Ich fühlte mich einfach energiegeladener (*lacht*) und erfuhr im Prinzip nur geringe Einschränkungen der Lebensqualität. Da ich prinzipiell optimistisch eingestellt bin, kam ein Scheitern an der Situation nicht in Frage.

 

Sind andere Begleit- und Folgeerkrankungen vom Diabetes für dich grundsätzlich ein Thema?

Ja, daher versuche ich mit meinem medizinischen Team möglichst präventiv zu arbeiten, um gesund und ohne zusätzliche Komplikationen alt werden zu können, auch wenn das für mich bedeutet mal einen Check-Up mehr zu machen. 

 

Die Blutzuckerwerte sind mal wieder zu hoch – die Motivation sinkt. Wie gehst du grundsätzlich mit Rückschlägen um?

An dieser Stelle ist es sinnvoll, doppelt zu analysieren, ob es wirklich nur der Diabetes ist oder ob es andere Faktoren sind, die zu den Entgleisungen führen. Manchmal ist es ganz sinnvoll die Reißleine zu ziehen. Man sollte den Diabetes in den Hintergrund treten lassen, ohne ihn ganz aus dem Blickfeld zu verlieren. Gleichzeitig sollte man sich auf seine nicht-diabetischen Bedürfnisse fokussieren und Dinge geraderücken, die es bedürfen. Manchmal hilft das, um die gesamte Situation zu entspannen und die Werte pendeln sich von alleine wieder ein. Für den Fall, dass dies nicht funktioniert, steht für mich Fehleranalyse und Rücksprache mit meiner Diabetologin an erster Stelle sowie eine doppelte Portion Engagement.

 

Seit wann bist du von COVID-19 „geheilt“? Wie fühlst du dich heute und was hast du in der Zeit vielleicht auch für dich gelernt?

Auf dem Papier gesehen war ich wohl aufgrund eines 8 Tage später erfolgten weiteren Tests genesen. Der Geruchssinnverlust besteht seit über 16 Wochen ohne Verbesserung, was ich zum Anlass nahm mich bei einem Hals-Nasen-Ohren-Facharzt (HNO) checken zu lassen.

Mitte August hatte ich dort einen Termin. Die HNO-Ärztin lies mich einen Geruchssinnstest machen. Dies war für mich eine sehr interessante Erfahrung, da man unterschiedlichste Proben z.B. Salmiak, Mentol oder Citrusöl unter die Nase gehalten bekommt. Bei den Tests wird jeweils ein Nasenloch verschlossen und dann nacheinander an der Probe gerochen. Eine Mitarbeiterin schrieb die Reaktion bzw. das Erkennen des Geruchs je nach Stärke in einer Tabelle auf. 

Die Ärztin erklärte mir bei der Besprechung meiner Ergebnisse, dass einige Gerüche wie Salmiak gut erkannt wurden, andere weniger. Das sei aber gar kein Problem, da sich das menschliche Riechepithel, also jene Zellen, die in unserer Nase für die Erkennung von Gerüchen zuständig sind, erneuert und eng mit der „Erinnerungsregion im Hirn“ verbunden sei. Diese Verbindung könne man sich daher zur Wiederherstellung des Geruchssinns zu Nutzen machen und selbst aktiv riechen, z.B. das eigene Lieblingsparfüm oder ähnliches. Von einer Behandlung mit cortisonhaltigem Nasenspray wurde aufgrund der Herabsetzung des Immunsystems abgesehen.  

Eine im August durchgeführte, zusätzliche Blutuntersuchung ergab des Weiteren, dass ich eine hohe Menge an Antikörpern im Blut hatte. Meine Eisen- und Vitamin D3-Werte, beide wichtig für ein gut-funktionierendes Immunsystem, waren allerdings im roten Bereich. Mir wurde empfohlen Vigantol Öl zu substituieren, um den Vitaminmangel auszugleichen. Für den Eisenmangel findet sich sicherlich in den kommenden Tagen auch noch eine passende Möglichkeit. 

Mir hat die Situation einmal mehr verdeutlich, dass Gesundheit und Wohlbefinden, gerade mit Diabetes, wie ein Weggefährte einmal beschrieb, „kein Job im Angestelltenverhältnis ist, sondern einer für Selbstständige“. 

 

Was würdest du anderen Menschen mit Diabetes nach der Diagnose „COVID-19“ mit auf den Weg geben?

Sich nicht aufzugeben, auch wenn die Situation nicht so rosig erscheint. Auf seine innere Stimme zu hören und dafür Sorge zu tragen, dass man physisch, mental und emotional gut durch die Situation kommt.

 

Vielen Dank Karlie, dass du deine persönlichen Erfahrungen mit uns und den Lesern teilst.*

 


 

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* Die in diesem Artikel zum Ausdruck gebrachten Ansichten sind die des Autors und spiegeln nicht unbedingt die der Veranstaltung wider.